Schreiben

Mit sieben Jahren schluckte sie Tabletten, die sie in der Schreibtischlade der großen Schwester fand. Vielleicht aus Neugier, gemischt mit einer Sehnsucht nach dem Tod, einer kindlich romantischen Verklärtheit. Sie stellte sich vor, am nächsten Tag nicht mehr aufzuwachen, doch da es sich um Anti-Baby-Pillen handelte, blieb der ewige Schlaf aus. 

Mit neun sammelte sie im Garten schwarze Glyzinien-Schoten, in denen mehrere linsenförmige Samen lagen. Fünf davon reichten angeblich aus, einen Säugling zu töten, also sammelte sie weiter und versteckte ein ganzes Säckchen voll unter ihren Spielsachen. Sie legte im Auto den Sicherheitsgurt nicht an oder schnallte sich heimlich wieder ab – bei einem Verkehrsunfall wollte sie dem Schicksal nicht im Weg stehen. 

Mit dreizehn entwarf sie in ihrem Tagebuch eine Fantasie, in der ihr ein netter Mann eine rote Tablette gab, mit der sie sicher für immer einschlafen würde, ohne Schmerzen und weiterer Komplikationen. Einmal stand sie heulend vor einem zwischen Tür und Türrahmen eingeklemmten Küchenmesser in Brusthöhe, in das sie sich nur mit Anlauf zu stürzen bräuchte, wie sie in einem Film gesehen hatte, mit dem Rücken zur Messerspitze. Nach ein paar Minuten legte sie das Messer wieder in die Schublade zurück. In der warmen Badewanne verbluten wurde dann Favorit, aber als sie zum ersten Mal mit einer Rasierklinge probeweise ein paar Schnitte an der Schenkel-Innenseite durchführte – sie hatte in der Oberstufe erfahren, dass dort eine viel wichtigere, dicke Ader lag – war sie schockiert über die Leichtigkeit, mit welcher die Klinge sofort durch die obere Hautschicht glitt und gelbes Gewebe freilegte. Ihr wurde schlecht und sie strich auch diese Todesart von der Liste. Im Flugzeug erwartete sie den Absturz, war Turbulenzen fröhlich ergeben und immun gegen Flugangst. 

Zwei leere Insulinspritzen hatte sie bald der zuckerkranken Freundin ihrer älteren Schwester entwendet, da sie irgendwo gelesen hatte, dass der Körper auf Luft in der Blutbahn mit Tod reagieren würde. Spritzen und Nadeln nahm sie aber ohnehin immer mit, sobald die praktische Ärztin sie im Sprechzimmer alleine ließ. 

Wenn sie als Studentin nachts von einer Feier nach Hause ging, wählte sie dunkle Gassen, in der Hoffnung, Opfer eines Raubüberfalls zu werden. Sie überlegte, ob sich 

die Mutter nie gefragt hätte, was in ihr vorging, wenn sie als Kind in einem Eck saß und vor sich hinstarrte. Sie dachte damals viel über das Sterben nach, meinte, nachdem die Mutter versucht hatte, den zweiten Weltkrieg zu erklären, dass es klüger wäre, zum Schlachter zu gehen und sich freiwillig schlachten zu lassen, bevor die Soldaten einen zu Tode quälen können. 

»Dann bist du trotzdem tot, mein Schatz.«

Mittlerweile war sie vierunddreißig, immer noch gesund und am Leben, wollte Nägel mit Köpfen machen, und suchte im Internet nach dem gefährlichsten Gift der Welt. Der erste Vorschlag war ein Wikipedia-Eintrag mit dem Namen »Ayahuasca«, ein Pflanzensaft aus dem Dschungel, die angeblich am stärksten wirksame Substanz der Welt, die zwar nicht töten, aber ein Nahtoderlebnis auslösen würde. 

Zwei Wochen später fiel ihr ein junger Mann in den Schoß, der in einem umgebauten Kleinlieferwagen lebte. »Du bist so kompliziert, du solltest Ayahuasca trinken«, sagte er auf Schweizer Deutsch, nachdem er ihre Geburtsdaten in ein Astrologie-Programm eingetippt hatte und wegen der seltsamen Verschlingungen, die ihre Zahlen auf seinem Mobiltelefonbildschirm machten, anfallsartig lachen musste. Sie erschrak.
»Awaja-kaska. Ich hab da vor kurzem was gelesen.«
»A-ya-huasca. Ja, die Pflanze findet einen.« Er zwinkerte ihr beunruhigend verschwörerisch zu und versprach, sich zu melden, sobald wieder eine Zeremonie stattfinden würde. Im Sommer war es dann soweit. ‚Entweder ich sterbe, oder ich erfahre endlich, wie das geht, dass man nicht mehr sterben will‘, dachte sie, packte ihre schwarze Reisetasche und war bereit, ihr Leben zu verlassen, auf welche Art auch immer. 

Einige Monate zuvor saß sie noch im künstlerischen Betriebsbüro des Theaters. Der Direktor wippte das überschlagene lange Bein, das in einer schwarzen Anzughose und ledernen Herrenschuhen steckte. Ein fast unsichtbares Grinsen zog sein hölzernes Gesicht bis unter die Augen in die Höhe, von dort ging es finster über die Stirn weiter. Die dünnen Finger lagen ineinandergeschlungen auf seinem Schoß, die Ellenbogen auf den Armlehnen des Bürosessels, den er langsam, immer ein klein wenig, hin und herdrehte. Gerade hatte sie, nach dem mittlerweile zweiten Ausstieg aus laufenden Proben wegen unüberbrückbarer Differenzen, wie sie erklärte, um Vertragsauflösung gebeten. 

»Wirst du immer einfach weglaufen, wenn es brenzlig wird?« Sie antwortete nicht gleich. Ihrer Meinung nach lief sie nämlich gar nicht davon. Bleiben wäre ihr Tod gewesen, eine Anpassung, die etwas in ihr zerstört hätte. 

»Ich an deiner Stelle würde mir mal Gedanken machen.« Sie nickte und seufzte dazu, als ginge es um ihr schlimmes Kind, wegen dem sie in die Sprechstunde musste. Sie trug eine lockere Bluse, er deutete halb mit dem Zeigefinger auf ihren Ausschnitt und meinte, da wäre wohl ein Knopf zuviel offengeblieben. ‚Würstchen‘, dachte sie, unterschrieb den Auflösungsvertrag und verließ erleichtert das ungeliebte Büro. 

»Kunst ist nicht dazu da, anderen zu gefallen«, las sie Monate später in ihren Notizen. »Was gefällt, bringt aber Geld. Also ist Theater meistens keine Kunst, sondern Gunst. Man stimmt die Leute günstig, damit sie Karten kaufen, und dafür wird ihnen etwas geboten. Die Leute möchten nichts sehen, was ungünstig ist. Also, prinzipiell will ich Kunst statt Gunst, will kein Günstling sein. Kunst ist nicht dazu da, das Bedürfnis des Zuschauers zu befriedigen, sondern nur meines. Ich muss es lieben, mein Bedürfnis zu befriedigen. Ich darf nichts, was ich nicht liebe, als liebenswert verkaufen. Ich befinde mich dann in der Heuchelei. Überhaupt dürfte man nur noch Dinge verkaufen, die man ehrlich liebt. Für jeden Zahnstocher müsste es einen Verantwortlichen geben, jeder Verkäufer ein Spezialist und Sammler. Man würde dann kein Geld mehr dafür wollen, Geld wär überflüssig, man schenkt und bekommt alles geschenkt, jeder kann furchtlos geben, weil er immer auch etwas bekommt dafür, das gibt er dann wieder weiter, in der einen oder anderen Form.« Eine Fluss-Gesellschaft schwebte ihr vor, sie legte die Notizen weg und betrat den Balkon. 

»Ich will den Regisseur abschaffen. An dem einzigen Ort, wo man mit Hilfe der Fantasie neue Realitäten schaffen kann, darf ich den Herrschaftsanspruch einzelner Leute, die es sich in einem fast schon monarchischen Gefüge gemütlich gemacht hätten, auf keinen Fall anerkennen. Es soll Arbeitsgruppen geben, oder Einzelgruppen, je nachdem. Das Thema kann ein Theaterstück sein, aber niemals nur das Stück, das funktioniert bloß als Starterkabel«, sagte sie und meinte sich im Gespräch mit dem alten Efeu, der seit über zwanzig Jahren am Stützpfosten hinaufkletterte, und vor dem sie vor allem im Sommer immer saß, wenn sie malte, oder rauchte, oder zu den beiden großen Tannen hinübersah. 

»Schauspieler sind keine Malfarben, der Regisseur nicht der Pinselhalter und die Leute drumherum keine Fußkissen und Resteverwerter. Kritiker werden unwichtig. Aufrichtigkeit wird die neue, innere Kritik. Ich will eine eingeschworene Gemeinschaft! Ohne Gemeinschaft ist dieser künstlerische Ausdruck, die darstellende Kunst, unmöglich, nicht? Wir brauchen keine Führer mehr. In meinem Theater gibt es gerechtes Grundeinkommen für alle, jeder und jede gleich viel. Herzlich willkommen die Mütter mit ihren Kindern! Da beginnt die Gesellschaft, oder etwa nicht? Ich will meine eigenen Regeln und Strukturen. Was hab ich von denen, die schon da waren, als ich auf die Welt kam, ich kenne sie nicht. Verkehrsordnung, Ordnungstheater, Geschlechtsverkehrs-ordnung. Ich will gar nicht mit meinem Geschlecht verkehren. Ich will meine Kinder nicht in den Kindergarten geben. Ich will nicht, dass sie Kontakt haben zu Menschen, die das alles glauben. Lieber in eine Sekte, eine Kommune, über die dann in der Zeitung steht: Diese Leute werden ausgebeutet, sie arbeiten und kriegen kein Geld, die wissen gar nicht, dass sie ausgebeutet werden. Oh ja, ich will arbeiten und kein Geld dafür kriegen. Wichtig ist nur, dass man erfährt, wie viel und wie tief und wie unsterblich dieses innere Wesen ist. Das, was in uns drinnen lebt. Wie allumfassend sich diese Liebe über die ganze Erde stülpt.« 

Sie schnippte Ameisen von der roten Wolljacke, die sich orientierungslos und fast panisch durch das Fasergewirr kämpften, sie saß zu nahe beim Efeu, wo die kleinen Insekten an den frischen Trieben entlang ihre Blattlaus-Kolonien angelegt hatten.

Damals, nach mantra-artigen Gesängen, Gerassel und Gewedel mit Fächern aus raschelnden Eukalyptusblättern, die benutzt wurden, um Weihrauch aus der Räucherpfanne im Zelt zu verteilen, wurde das Ayahuasca in kleinen Schnapsgläsern an die dreißig Leute ausgegeben, die sich in zwei langen Reihen vor den beiden Schamanen angestellt hatten. Sie war so aufgeregt gewesen wie die dunkelrote, dickflüssige Pflanzenmedizin übel geschmeckt hatte. Irgendwo hatte sie gelesen, das gesamte Zellwasser würde sich in einer einzigen Ayahuasca-Nacht austauschen, und tatsächlich hatte sie die ganze Zeit den starken Eindruck, als würde ihr Körper Feuchtigkeit aus der Luft trinken. Das viereckige Loch im Waldboden ein paar Meter neben dem Kompostklo, mit Kerzen und Blumen geschmückt, die ausgehobene Erde zu einer Schildkröte geformt, Haltepfosten in jedem Eck und unter Eingeweihten das »Kotzloch« genannt, benutzte sie nur einmal, als sie sich kurz nach ihrer ersten Portion Rapé, dem Dschungelschnupftabak, übergeben musste. 

In regelmäßigen Abständen spielten die beiden Schamanen sehr einfache Melodien auf ihrer Mundharmonika, sangen murmelnd dazu, machten merkwürdige Zischlaute und schnalzten mit der Zunge. Die anderen Zeremonieteilnehmer saßen mit geschlossenen Augen und zum Feuer gedrehten Handflächen auf ihren Campingstühlen, fast alle lächelten verklärt. Irgendetwas ging vor sich, etwas Unsichtbares, sie verstand kein Wort. Nach etwa einer halben Stunde standen vereinzelt Leute auf, um sich außerhalb des Tipis laut würgend zu übergeben, niemanden schien es zu kümmern, ihr wurde mulmig. Dann stellten sie sich wieder an, um noch einmal zu trinken. Sie beschloss, sich mitanzustellen, da sie bei sich keinerlei Veränderung feststellen konnte. 

Doch als sie aufstand, schlug es ein. Die Haut auf ihrem Handrücken wurde durchsichtig, sie verlor das Verständnis für Gleichgewicht, und kaum, dass sie wieder saß, auf dem Schaffell vor dem großen Feuer, packte sie etwas, irgendetwas, das in ihr arbeitete mit ungeheurer Kraft, die aus jeder Körperzelle zu kommen schien, das unheimlichste und heimlichste Gefühl, ein einziges, großes Wummern. Die Medizin wirkte und warf sie zurück, legte sich auf ihre Brust und zog, zog nach unten. Sie versuchte zu atmen, aber die Luft war leer, alles war leer. Die Reise begann. Kugelgebilde tauchten auf, mitten im ihrem Kopf und überall, wo sie sich hinwand, Planeten mit Bildern und Reliefs von kirchenartigen Tempelbauten, Häusern, Eingängen, Erkern und Vorsprüngen. Alles fantastisch bunt und üppig verziert, immer wieder aus sich heraus Neues gebärend. Bald drückten sich Fratzen aus dem Hintergrund, erst eine, dann eine ganze Schar furchterregender Albtraum-Gestalten, sich gegenseitig an Hässlichkeit übertreffend. Als sie dachte: ‚Jetzt schreie ich, jetzt müssen sie mir helfen’, tauchte aus dem Nichts ein schwarzer Panther auf, naturgetreu bis auf die Schnurrbarthaare, der langsam und fauchend auf sie zukam, hinter ihren geschlossenen Augen in die Schwärze gebrannt. Und dann, bald, schwebte sie vor ihr, die blaue Frau.

 »Ich teile das Universum mit allen, die außer mir da sind. Ich bin acht Milliarden Sehnsüchte«, sagte sie zum alten Efeu am Balkon. »Ayahuasca versorgt mich mit guten Gedanken, jeden Tag, und so funktioniert Gehirnwäsche doch, und Wäsche ist etwas Gutes. Wenn ich jeden Tag mein Gehirn mit bestimmten Gedanken wasche, wird es klar wie ein Bergkristall. Ist die innere Stimme erst einmal erwacht, arbeitet sie im Verborgenen. Irgendwann muss man sich beim Einkaufen, bei Billigkleidung und Plastikramsch, etwas denken. Man sieht die ausgebeuteten Menschen an der Nähmaschine sitzen, nimmt im Supermarkt ein abgepacktes Fleisch in die Hand und sieht die Kuh auf dem Eisenrost ohne Einstreu, mit Kot verschmiert, die Augen, die nur künstliches Licht kennen, stumpf, ohne Hörner, die zittrige Haut an der Nase und am Euter so beklemmend rosa, voller Nervenzellen. Wenn ich mehr sehen möchte, als man mir zeigt, dann kann ich das auch.« Sie strich über die dunkelgrünen Efeublätter. »Stell dir vor, der Mensch hätte bei jedem Produkt, das er in die Hand nimmt, die Produktionskette vor Augen und erlebt sie, als Legehenne, als Kokosnuss, als Kakaobohne – wie wird er sich verhalten? Was wird er dann tun?« Der Efeu schwieg. Sie liebte sein Schweigen, da sie der festen Einbildung unterlag, es würde ihr dabei helfen, richtig zu denken. 

»Stell dir vor, wir müssten ständig alles fühlen. Dann müsste der Mensch darauf zurückkommen, so zu leben, dass Mitgefühl nicht schmerzhaft ist. Er hätte nur soviel Bindungen an die Außenwelt, wie er tatsächlich zu fühlen bereit ist. Er würde nicht mehr besitzen wollen als andere, weil er sonst den Neid spüren müsste.« Sie drehte die Leinwand, die auf der Staffelei neben dem Efeu stand, in die Waagerechte und starrte aufs leere Weiß. Ihr Vater mochte Perry Rhodan. Die Landschaften dort sahen aus wie die, die sie immer malte. 

»Ich bin voller Zellen, wie soll ich mich einsam fühlen. In jeder Zelle ist Leben, jede Einzelne ein kleiner perfekter Organismus mit einem Plan, einem Auftrag von Millionen Stimmen in mir. Es gibt keine Einsamkeit. Einsamkeit ist nur ein Marketing-Gag. Hüte dich vor Einsamkeit, sagt das Fernsehen, hüte dich davor, deine Gedanken zu Ende zu denken, kauf dir lieber Schuhe.«

 Mit fünfzehn Jahren fing sie an, sich nach dem Essen zu übergeben, Verhaltenstherapie ergab nicht viel. Mit dem Geld für die Psychologin ging sie mehr als einmal Material für den Ess-Brech-Anfall kaufen. Genauso wenig halfen die Antidepressiva, die sie nach vier Wochen eigenständig absetzte, damals war sie achtzehn Jahre alt, hatte für sich gerade ihre Sinnlichkeit entdeckt und spürte, wie das Verlangen nach erotischen Gedanken mit der Einnahme der Tabletten verschwand. Das Abstumpfen machte ihr Angst, als könnte sie nicht mehr so hoch und tief empfinden, als gäbe es unsichtbare Schranken, die ihr nur noch wenig Spielraum ließen. Seit ihrem ersten Becher Ayahuasca war sie nicht mehr essbrechsüchtig. 

»Bitte, zeig mir die Bulimie«, hatte sie während der ersten Trance-Reise die blaue Frau gebeten, die lächelnd vor ihr und ihrem schwarzen Panther zu sitzen kam. Mit Goldgehänge an den Ohren, Geschmeide um den Hals, großen, schrägen Insektenaugen, blauer Haut und einem gewinnenden Wesen. Die Frau nickte, und ließ ein Kugelgebilde auf sie zufliegen, das Zug um Zug zu einem niedlichen Mädchenkopf wurde, der lächelte und dabei seinen überprallen Kirschmund öffnete. Lange, spitze Zähne wurden sichtbar, mehr und mehr, sie konnte sich nicht abwenden, ihre Augen waren bereits zu, die Wirklichkeit war in ihr. Es gab bald nichts als dieses Haifischmaul, aus dessen glitschig bläulicher Haut immer mehr Zähne hervorbrachen, sich im Öffnen überschlug und zu einer Alien-Fratze wurde, nur der artig zusammengebundene Pferdeschwanz erinnerte noch an den Mädchenkopf. Die blaue Frau, die unterhalb des Halsschmucks einen außerordentlich schön geformten, nackten Busen trug, ebenso blau und ohne Brustwarzen, griff nach der Kugel, die sich in ihren Händen in einen glänzenden Pokal verwandelte, wie Kinder ihn beim Schispringen bekommen, und stellte ihn auf einen Kaminsims, der neben ihr auftauchte. 

»So, fertig!«

»Was fertig? Das ist meine Essstörung?« 

»Ja. Du hast gewonnen!«
Sie war vollkommen ratlos. Eine zuckerwattenfarbene Glibbermasse tauchte vor ihr auf, daneben eine große, altertümliche Schneiderschere mit schwarzlackiertem Griff. 

»Nimm die Schere und schneide dich los«, sagte die blaue Frau freundlich. 

»Ist das mein Gehirn?« Die blaue Frau nickte. Die Schere teilte, nur von ihren Gedanken bewegt, den rosa Klumpen in zwei Hälften. Ein Loch im Kopf, wo früher die Esstörung war. Spurlos verschwunden. 

»Essstörungen sind eine sehr bedrückende Angelegenheit. Weil soviel Selbsthass dazu gehört, verstehst du?« Sie beobachtete die Blattlauskolonien auf den hellgrünen Efeutrieben. Der Honigtau, die Läusemilch, wurde von den Ameisen eingesammelt, vielen Ameisen, sehr lieb zippelten sie mit ihren langen Fühlern zwischen den Läusepopos herum.

»Selbsthass erzeugt man, indem man sich für alles verantwortlich fühlt.« Ein Weberknecht fiel aus dem Efeulaub und wankte orientierungslos auf den Holzplanken umher. Sie schraubte den kleinen Kanister mit dem Terpentin auf, goss etwas in ein ehemaliges Marmeladenglas, griff eine fast leere Tube mit Kobaltblau, legte sie zurück, nahm Indigo-Blau und drückte Farbe auf die kleine Holzpalette. »Weißt du, die Fähigkeit, Verzückung zuzulassen ist ja allen Menschen gegeben, alle haben einen Bereich dafür in ihrem Gehirn. Was daraus wird, ist allerdings unvorhersehbar. ‚Das musst du mit feuchtem Höschen spielen‘, hat der eine Regisseur damals genuschelt. Wieso sieht Reizwäsche immer gleich aus, habe ich mich gefragt. Und woher will der Regisseur wissen, dass ich ein großes Glied erregend finde. Und selbst wenn, wie kommt er dazu, mir innere Bilder vorzulegen, in denen ich eine Sexualität ausübe, die er für mich ausgesucht hat? Oder sagen die sowas und haben dabei nichts im Kopf? Ich glaube nicht. Sie projizieren mich in die Situation, die sie beschreiben, oder sie projizieren die Situation auf mich, und die meisten von diesen Leuten kenne ich längst nicht so gut, als dass das in Ordnung wäre. Irgendetwas liebe ich an dem, was mich erregt, und niemand kann einem befehlen, etwas Bestimmtes zu lieben. Deshalb ist Erotik ein heikles Thema und muss unangetastet bleiben von Vorschriften. Damit sie frei bleibt und eben nicht anfängt, sich mit dem Außen abzugleichen. So etwas Abgeglichenes ist Pornografie, nicht?« Der Efeu knackte mit den Ästen und ließ ein Blatt fallen. Sie nickte dazu, zog zwei lange Pinsel aus der alten Kakaopulver-Dose, tauchte den schmäleren ins Leinöl, fuhr mit der Spitze in dem Indigo-Blau herum und machte einen verschlungenen Klecks oben rechts und einen gleich daneben, ein paar Striche unten und noch ein paar absichtlich Zufällige, ging ans andere Ende vom Balkon, hielt sich das weniger kurzsichtige Auge zu, wartete darauf, etwas zu erkennen und – erkannte viel zu viel. Die herrlichsten Gemälde knüpften sich dort an die zufälligen Flecken. Der schmerzhafte Teil ihrer Arbeit begann, denn das, was sie sah, konnte sie nicht abbilden, nur Stichworte festlegen. »Kunst ist schön peinlich. So betrachtet.«
Sie beschloss, sich Blüten vorzustellen, so kitschig und positiv wie möglich, eine neben der anderen, und beobachtete, wie der Pinsel anfing, in kleinen Kreisbewegungen Schatten zu werfen. Sie unterschied nicht mehr rechts und links, ihre Hände wurden fremd, nur das, was sie auf der Leinwand hinterließen, war vertraut. Sie driftete ab in etwas Unbekanntes, wo es keine Pläne von Blumen mehr gab, nur ein Lichtspiel nach dem anderen, sie ließ sich entführen und gleichermaßen verzücken. Aus ihrer Verzückung wuchs ein unmöglicher Zauberbaum. Seine Früchte enthielten ein seltenes Gift, das ihr ermöglichte, in sich hineinzuschauen, in ihre Seele, in das, was wirklich da war, auf der inneren Leinwand. Für längere Wanderungen musste sie als Proviant die Melancholien mitnehmen, wegen der natürlichen Bitterkeit waren die am haltbarsten. »Untröstlich sind die Menschen alle«, sagte sie sich dann, wenn sie sich darüber hinwegtäuschen wollte, dass sie die Melancholien nicht immer vertrug, obwohl sie schon früh anfing, von ihnen zu essen. Mit fünf Jahren war sie bereits komplett in Verzweiflung gekommen über einen Popsong, der damals oft im Radio lief und den ihre zehn Jahre ältere Halbschwester gerne hörte. Die Sängerin klang in ihren Ohren außerordentlich bedrückt und leidend. »Hörst du?« rief sie aufgebracht und deutete auf den Radioapparat, »sie ist irgendwo allein im Wald, es schneit und sie hat nur ein Hemdchen an, und sie weint! Ihre Mama ist weg! Wir müssen ihr etwas Warmes zum Anziehen bringen!« – »Das ist doch nur ein Lied«, erwiderte die Schwester, »die Sängerin steht in einem warmen Aufnahmestudio.« Eternal flame hieß der Song. 

Die Mutter unterdessen war hilflos und schließlich wütend wegen der blauen Tapete an der Wand neben dem Stockbett, die Tapete, die es genau so wollte, die abends immer ein klein wenig abgekletzelt werden musste, damit sie besser einschlafen konnte. Tausend Märchen waren in diesen Papierreißbilder versteckt. »Mama, siehst du nicht?« – »Nein, hör auf, die Tapete zu ruinieren.« 

Nach dem Umzug gab es keine Tapeten mehr und sie fand neue Wege, abends einschlafen zu können, zum Beispiel Luft anhalten oder sich im Bett so drapieren, als läge sie im Sarg, mit gefalteten Händen und Blumen überall. Nach der Begräbnisansprache schlief sie meistens schon.
»Es ist unbedingt notwendig, dass wir einen Namen dafür haben«, sagte sie zum alten Efeu, beendete ihre Zeitreise, und versank in den Indigo-Wolken. Ein kleiner Pinselstrich konnte aus einem Baumstamm ein mehrdeutiges Geisterwesen erschaffen. »Gott ist ein schöner Name, kurz und bündig. Wir brauchen doch ein Wort dafür. Damit der Mensch eine Möglichkeit hat, seinen Selbstwert aufzuladen. Ist doch klar. Ein Gedenkstein für viele Seelen ist dieses Wort. Durch mein Geheimnis mit Gott, wie man sagt, kann ich sauber und problemlos meine Batterien aufladen. Gott ist umweltfreundlich und nachhaltig, so gesehen.«

kleist hat sich umgebracht, einen monat nach seinem vierunddreißigsten geburtstag. am einundzwanzigsten november achtzehnhundertelf. da ich also mittlerweile älter bin als er je wurde, hatte ich letztes jahr den unbezähmbaren drang, endlich über ihn zu sprechen, habe das landestheater, an dem ich mich damals als schauspielerin angestellt habe, bekniet, mich einen abend über kleist und seine briefe machen zu lassen. „ja, schön, marquise von o“, sagt das theater. „nein“, sag ich, „kein stück! briefe, alle, ohne regie, ohne bühnenbild, ohne kostüm, ohne maskenzeiten! hinstellen und erzählen!“ – „na. da kommt keiner“, sagt das theater. spätestens jetzt ist klar: es wird ein sehr intimer abend. vielleicht sogar peinlich. irritierend privat. was hat das mit kleist zu tun? ha! viel. wir sind bereits mittendrin.
kleist ohne privat geht nicht. verstehen sie? nicht? da gehts ihnen wie mir. gott sei dank sind wir im theater. der einzige ort, wo es noch völlig in ordnung ist, wenn man nichts versteht. die vierte wand ist zumindest schon mal kaputt. ich kann sie sehen. was also ist das hier? ein kabarett? – dafür ist es nicht witzig genug. – ein halbseidenes kunstmärchen? – dafür ist es nicht sexy genug. – eine auswendig gelernte lesung? – schon eher. – eine stammtischrunde? – das wäre gar nicht schlecht. – warum eigentlich überhaupt?

Ach, ich weiß nicht, was ich Dir über mich unaussprechlichen Menschen sagen soll. – Ich wollte ich könnte mir das Herz aus dem Leibe reißen, in diesen Brief packen, und Dir zuschicken. – Dummer Gedanke!

Ach, es kann kein böser Geist sein, der an der Spitze der Welt steht; es ist ein bloß unbegriffener! Lächeln wir nicht auch, wenn die Kinder weinen?

Adieu, mein teuerstes Mädchen; ich gehe nach dem Österreichischen zurück. Du mußt mir gleich etwas Geld schicken.

An Johann Wolfgang von Goethe: Hochzuverehrender Herr Geheimrat! Ehrwürdigster Exzellenz habe ich die Ehre, in der Anlage gehorsamst mein Trauerspiel, die Penthesilea, zu überschicken. Es ist es ist auf den »Knieen meines Herzens« daß ich damit vor Ihnen erscheine. Der ich mich mit der innigstens Verehrung und Liebe nenne, ehrwürdigster Exzellenz gehorsamster Diener Heinrich von Kleist

Goethe an Kleist: Nun. Schade, dass junge Männer wie sie immer auf ein Theater warten, welches da kommen soll. Mit der Penthesilea kann ich mich noch nicht befreunden. Nächstens mehr. Goethe.

Das Urteil der Menschen hat mich bisher viel zu sehr beherrscht. Ich will mich von dem Gedanken ganz durchdringen, daß, wenn ein Werk nur recht frei aus dem Schoß eines menschlichen Gemüts hervorgeht, dasselbe auch notwendig darum der ganzen Menschheit angehören müsse.

Ach, der unselige Ehrgeiz, er ist ein Gift für alle Freuden. – Darum will ich mich losreißen, von allen Verhältnissen, die mich unaufhörlich zwingen zu streben, zu beneiden, zu wetteifern. Denn nur in der Welt ist es schmerzhaft, wenig zu sein, außer ihr nicht.

Ich trage mein Herz mit mir herum, wie ein nördliches Land den Keim einer Südfrucht. Es treibt und treibt, und es kann nicht reifen.

Mein liebes Mädchen! Schreibe mir nicht mehr, ich habe keinen andern Wunsch als bald zu sterben.

und da seh ich dich, du klopfst mir den takt
ich dreh mich im kreis, meine füße sind nackt
da spür ich der boden lässt sich nicht mehr fassen
ich muss mich dem wort jetzt komplett überlassen
und darf es nicht stören sonst fall ich herunter
im kopf jetzt gerade es wird immer bunter.

dass ich damals vor sieben jahren an kleist tatsächlich verzweifelt bin, hat mir niemand geglaubt. aber heinrich hat mein herz gebrochen. ich bin in seinen worten verschwunden. eigentlich versuche ich das immer. vergesse alles und lasse mich von den worten erschaffen. bin nur das, was ich gerade sage. und das, was ich denken muss, damit ich etwas sage. nicht mehr als das bin ich. so ungefähr. und wenn ich seine worte bin, tut sich eine neue welt auf: mit drei sonnen, tausend und eins nächten und lauter schönheit. und er ist 31 jahre alt, als er die penthesilea schreibt! und ich? ich hab mich auf die suche begeben. auf die suche nach dem ach. nach dem moment, wo ich jedes wort so begreife, als hätte ich es selbst gedacht. wo die sätze ein tiefes gefühl bewirken. wo ich den roten faden seh. wo sein gedanke mein gedanke wird. ich wollte beim sprechen der penthesilea kleist sein, der sie gerade erfindet. nur, dafür musst ich meinen heinrich erst erfinden. und mich musst ich dazu erfinden. doch dafür musst ich mich erst finden. und musste, wie er, kant lesen. hier. er schreibt im alter von fünfundzwanzig jahren an seine verlobte wilhelmine von zenge (die er nach einem jahr bereits wieder verließ):
Paris, den 10. Oktober 1801: Mein liebes Mädchen. Du mußt, was ich Dir auch sagen werde, mich nicht mehr nach dem Maßstabe der Welt beurteilen. Eine Reihe von Jahren, in welchen ich frei denken konnte, hat mich dem, was die Menschen Welt nennen, sehr unähnlich gemacht. Ich trage eine innere Vorschrift in meiner Brust, gegen welche alle äußern, und wenn sie ein König unterschrieben hätte, nichtswürdig sind. Vor kurzem ward ich mit der neueren sogenannten Kantischen Philosophie bekannt, ich will versuchen, sie Dir zu erklären: Wenn alle Menschen statt der Augen grüne Gläser hätten, so würden sie urteilen müssen, die Gegenstände, welche sie dadurch erblicken, sind grün – und nie würden sie entscheiden können, ob ihr Auge ihnen die Dinge zeigt, wie sie sind, oder ob es nicht etwas zu ihnen hinzutut, was nicht ihnen, sondern dem Auge gehört. So ist es mit dem Verstand. Wir können nicht entscheiden, ob das, was wir Wahrheit nennen, wahrhaft Wahrheit ist, oder ob es uns nur so scheint. Und ich dachte, dass wir nach dem Tod auf einem anderen Stern weiter fortschreiten würden, und den Schatz von Wahrheiten, den wir hier sammelten, auch dort einst brauchen können. Verwirrt durch die Sätze einer traurigen Philosophie, sehe ich mein höchstes Ziel gesunken, und ich habe nun keines mehr. und er schreibt weiter: Lass mich einen Blick in Dein Herz tun. Ich glaube, daß Du mir einen Augenblick voll der üppigsten Freude bereiten wirst, wenn Deine Hand sich entschließen könnte, diese drei Worte niederzuschreiben: ich liebe Dich. Liebes Mädchen, ich will von mir mit Dir reden, als spräche ich mit mir selbst.
als spräche er mit sich selbst. diese briefe sind wie selbstgespräche. zumindest sehr private beschreibungen seines seelischen innenlebens. ein wahrer teil von ihm.
„wenn ich seine briefe, ohne rauszufallen, ohne mich zu stoßen, durchdenken kann; wenn ich der bin, der sie schreibt; denke ich nicht wie er? oder stelle mir ähnliches vor?“
„dann kann ich ihn auch spielen. weil, also vorstellen, entschuldigung! ich bin schauspielerin! ich stell mir alles vor! stell mir vor, wie er da sitzt, im schreibwahn. wie er schwitzt und zuckt und jedes wort in seinem gesicht zusammenfließt und auf das papier tropft.“
„du bist ein genie“, sage ich.
„ja, ein verunglücktes“, sagt er.
„mein blut füllt deine feder“, sage ich.
„süß“, sagt er.
„muss man sich umbringen wollen, um zu schreiben?“ frage ich.

(…)

Du bist die einzige die mich hier ganz versteht, du Heldenseele in einem Weiberkörper! Wärst Du ein Mann, ich würde das Schicksal meines ganzen Lebens an das Deinige knüpfen. Mein Herzchen, mein Liebes, mein Täubchen. Mein süßes Leben, mein Hab und Gut. Sonne meines Lebens, Himmel und Erde, Vergangenheit und Zukunft. Meine Braut, mein Mädchen, meine Freundin, mein Innerstes, mein Herzblut. Wie nenn ich Dich? Mein Goldkind, meine Perle, meine Königin und Kaiserin! Du lieber Liebling meines Herzens! Mein Weib, meine Hochzeit, mein Trauerspiel, mein Nachruhm! Ach. Du bist mein zweites besseres Ich. Meine Tugenden, meine Hoffnung, die Vergebung meiner Sünden, mein Himmelstöchterchen, mein Gotteskind, meine Fürsprecherin und Fürbitterin. Mein Schutzengel, mein Cherubim und Seraph, wie lieb ich Dich.

wissen sie was? ich singe ihnen zum untergang, nein, übergang das vierte kleistlied vor. ohne gitarrenbegleitung, weil ich mich sonst nicht anziehen kann. und das soll ja kein liederabend werden. trotzdem. das folgende besingt eine phase der probenzeit.

die hingabe, die bis ins sterben geht,
das ist es was heinrich mir ständig erzählt:
„siehst du die menschen im blut da liegen?“ – „ja.“
„und sie werden wo jetzt den lohn welchen kriegen?“ – „hm.“
„und siehst du die tochter, die liebt und sich irrt?“ – „mhm.“
„und siehst du die köpfe von tugend verwirrt?“
„du meinst: wie alles mit allem ist immer verknüpft,
wie eins in das andere heimlich still schlüpft?“
„und weißt du dann, dass du gar nichts mehr weißt – “
„ – dann bin ich sicher, ich bin mit kleist“.

irgendwo in italien, auf irgendeinem café-tisch in irgendeiner straße liegt eine zeitung. aufgeschlagen. eine kleine annonce fällt ins auge: ich bin ohne mein wissen in andere umstände gekommen. wenn sie der vater dieses kindes sind, melden sie sich, ich bin aus familiären gründen entschlossen zu heiraten.
so fängt es an. wirklich.

(Fett geschriebene Texte stammen aus Kleist’s Briefen)

Hermine Fekete. Das ist ihr Taufname. Fekete bedeutet schwarz auf ungarisch. Die Hermi. Der Vorname meiner Oma. Ich habe ihre alten Kinder-Klaviernoten geschenkt bekommen. Als sie ein junges Mädchen war, hatte sie die kleinen, gedruckten Zeichnungen neben den .bungsstücken mit Buntstiften ausgemalt. Wie ich da bei ihr als Kind stundenlang sitzen konnte und malen mit hunderten von diesen Buntstiften, die sich im Laufe der Zeit bei ihr angesammelt hatten, und die Oma immer bereit, mit dem kleinen Alu-Bleistiftspitzer helfend einzugreifen. Nur sie konnte das. Bei mir brachen die Spitzen immer ab. Eine Kinder-Hörkassette lief Dauerschleife und sie schnitt hübsche Bildchen aus der Kronen- oder der Täglich-Alles-Zeitung aus, von Tieren, Blumen, von alten Möbeln und Kleidern – alles, was ihr für meine kleine Schwester und mich interessant schien. Ihren riesigen Hieronymus-Bosch-Bildband durfte ich ansehen, immer wieder. Das war ihr Lieblingsmaler. Und schließlich auch meiner, bis heute. Was für unheimliche Welten sich da in meinem Kinderkopf auftaten. Ein sehr hübsches, kleines Puppenhaus hat mein Opa in Trattenbach damals für meine Tante Sissi getischlert. Ich habe dann viele Jahre später mit Oma klitzekleine Puppenkleider genäht, Bettwäsche, kleine Geschirr- und Handtücher. Aus Stoffresten, die ich mir von der Frau Kuntner holen durfte. Wenn die Glocke der Leitkuh zu hören war, rief die Oma: „Kathi, schnell, die Frau Kuntner kommt mit die Kühe!“

Jetzt teilen meine Oma und ich uns das Gefühl, dass wir damals hatten. Als wir beide die

Puppenkleider genäht haben. Sie hat schon seit zehn Jahren Alzheimer.

Wenn ich vor ihr sitze und ihre Bewegungen beobachte, muss ich immer an eine Seepflanze denken, tief unter der Wasseroberfläche. Und ich bestimme mit meinen Gefühlen ihre Bewegung. Ich bin die Wasserströmung. Auf die reagiert sie. Ihre Augäpfel bewegen sich hinter den geschlossenen Lidern wie im Tiefschlaf, wenn wir träumen.

Sie nimmt alles positiv wahr, außer Schmerz, da sagt sie „Aua!“ und ihre Miene verfinstert sich. Sonst ist sie sehr offen und heiter im Gesicht. Sie hat Grübel- und Lachfalten um die Augen, die sie nur selten öffnet. Wie jemand, der im Zug sitzt, döst, und in den Stationen kurz aufwacht, um nachzusehen, ob er schon da ist. Manchmal bekommt sie einen „leidenden“  Gesichtsausdruck wie eine Ballerina beim sterbenden Schwan. Ich habe sie gefragt, ob sie Farben sieht, wenn sie Musik hört. Sie meinte „Na!“. Dann hab ich gefragt, ob sie Gefühle sehen kann. Da meinte sie „Jo!Jo!“. Wenn ich durch Fragen immer mehr den Eindruck bekomme, zu verstehen, wie es in ihr aussieht, müssen wir lachen. Dann sind ihre Augen offen. Ich denke immer, sie lacht, um mir rechtzugeben. Ich muss meistens lachen, wenn sie auf diese gewisse Art dreinschaut und dabei ihre Augenbrauen

hebt. Wie früher, wenn wir uns mit dummen Sprüchen zum Lachen gebracht haben. Sie war immer sehr schlagfertig. Das ist sie heute noch. Mit ihren Augenbrauen. Laut und heftig lache ich dann. Und sie auch. „Oma, hör auf, ich kann nicht mehr“, ruf ich. Ich bin oft ganz verschwitzt danach. Es ist unsere Art, miteinander zu sprechen. Man kann ihre Aufmerksamkeit schnell durch Lachen an die Oberfläche bringen, wie wenn man den Grund des Sees aufwirbelt. Dann sinkt alles wieder in die Tiefe. Der Pfleger fragt: „Warum sie immer lachen?“ – „Weil sie fröhlich ist“, antworte ich.

Oma summt gerne, reagiert auf Melodien, die sie kennt, fängt dann an, im Rhythmus die Schultern und die Augenbrauen zu heben. Sonst ist ihr Körper gespannt wie eine Sehne. Der Bauch ist weich. Immer wieder entdeckt sie mich. Dann bleibt ihr Blick an mir haften und in diesen Sekunden spüre ich ein ganzes Leben zwischen uns. Wenn ich sie frage, ob sie das auch spürt, lachtsie und summt. Solche Momente sind wahrhaftig, meine Oma kann nur noch wahrhaftig sein. Das mag ich. Sie braucht scheinbar nichts als Wärme und Trockenheit, nimmt Nahrung dankbar an, genießt das Kauen und summt fröhlich dazu. Süßes mag sie am liebsten. Oma hat keine Zähne mehr und zerdrückt das Essen am Gaumen. Früher haben die Jungen den Alten das Fleisch vorgekaut, fällt mir ein, während ich Kirschen aufbeiße, die Kerne raustu, und die Kirschen in ihren Mund stecke. Irgendwie ist sie gottähnlicher geworden als wir anderen, weil sie fast keine Verbindung mehr zur Außenwelt hat und nur in ihrem Inneren lebt. Von ihr aus könnte sie auch sterben. Sie würde es tun, weil sie nicht mehr aufstehen und Essen holen kann. Wir pflegen ihre Maschine, weil wir dazu in der Lage sind. Ohne uns wäre sie längst verhungert. Ohne sie wären Einige von uns nicht hier.

Wenn sie mich ansieht und ich ihr sage, „Glaub es ruhig, es ist wahr – ich sehe dich und du siehst mich“, denke ich: reicht das nicht? Wir unterhalten uns, Kauderwelsch, weniger Worte als Melodien. Sie seufzt ein Klage-Mamamama und ich singe mein Najanajanaja dazu. Auf der Innenseite vom Bett ist meistens mehr Platz als auf der Außenseite. Ich steig also auf die Innenseite, und leg mich neben sie, „Achtung, Oma! Keine Angst! Wir kennen uns!“, sage ich und leg ihren verkrampften Arm um mich. Und wenn ich da lieg, ihren Atem und ihr Herz höre, denk ich, ich muss es mir genau merken, die Haut an ihrem Hals, den säuerlichen Geruch aus den immer zu Fäusten geballten Händen, die dünnen Augenbrauen, die hübsche Nase; alles von Hermi, die jetzt schon solange in ihrem Krankenbett liegt, wo alle fünf Minuten das Gebläse der Kubitus-Luftmatratzenunterlage einsetzt, wie wenn ein kleiner Zwerg mit einem Mini-Staubsauger durchs Wohnzimmer fegt.

Oma hat vielleicht vergessen, dass sie am Leben ist. Oft setzt sie an, etwas zu äußern. Dann zieht es sich so zusammen bei ihr, wie wenn ihr etwas Gewaltiges einfällt, und wie sie danach greifen will, ist es weg, und sie fällt wieder in ihre Unterwasserwelt. Aber immer gibt es unsere Augenblicke, wo ich sicher weiß, sie erkennt mich als das, was ich bei ihr bin und immer war. Etwas Liebes, Warmes, Weiches, dem man vertrauen kann.

Ich sitze bei ihr, feixe ein bisschen, dass sie wieder aufstehen soll und was kochen, Powidl-Tatschkerl oder Zwetschgenknödel oder Buchteln. Aber am liebsten Griesnulli! Sie lacht. “Du weißt alles!“, sage ich. “Jo…“, sagt sie, nickt verschwörerisch und driftet wieder weg. „Sag: Ich liebe dich“, verlange ich von ihr und stupse sie am Ohrläppchen, sie reißt wieder die Augen auf und lacht. „Heute siehst du anders aus“, sage ich, „du bist zurückgekehrt, nicht wahr?“ Sie nickt und legt ihren Arm auf meinen.

Aber vielleicht haben die Anderen recht, und Du erfährst mich gar nicht, Du merkst mich gar nicht, ich gliedere mich nur kurz in Deine Routinen ein und verlasse sie wieder, ohne, dass Du meine Anwesenheit wahrgenommen hast. Natürlich kann alles Zufall sein. Aber warum solltest Du nicht immer wieder zurückkehren? Ich empfinde es so. Ich bin so dankbar für meine Träume, in denen Du sprichst.

Wenn ich traurig bin, mich einsam und unverstanden fühle, wertlos und überflüssig, und bei meiner Oma sitze, muss ich weinen. Ich schäme mich mit diesen Gefühlen vor ihr. Weil ich mich daran erinnere, dass sie mich liebt, und es tut weh, wenn jemand, den man liebt, sich wertlos fühlt. Dabei wird jeder Mensch geliebt. Nicht zuletzt von Gott, wie auch immer man den für sich definiert. Ich lerne viel von ihr. Ist das nicht der wahre Grund von Krankheiten, denke ich dann. Um den Gesunden ein Lernen zu ermöglichen? Kann das, was ich als Realität begreife, stimmen, wenn es für meine Oma eine so andere Realität gibt? Laut Forschung sind Menschen, die scheinbar nichts mehr können, in ihrem Inneren, tief im Gehirn, sehr aktiv – man konnte vermehrt Glückshormone nachweisen. Das heißt: den Meisten geht es gut. Vielleicht hat man Angst vor den Gefühlen, die man bekommt beim Anblick meiner Oma. Sie ist ein Spiegel für uns selbst, wie jeder Mensch ein Spiegel ist für den andern. Meine Oma steht für die Ängste, einmal wieder gewickelt und gefüttert zu werden, nicht mehr aufstehen zu können, oder zu sprechen. So, wie wir auf die Welt kamen, gehen wir manchmal auch wieder. Wenn meine Oma nicht mehr will, wird sie aufhören zu trinken und zu essen. Zumindest solange hat ihr Leben den gleichen Wert wie meines, denke ich. Welches Leben ist denn lebenswert? Wir Menschen dürfen das nicht entscheiden. Das wollten wir schon einmal, während des zweiten Weltkriegs, es ist gar nicht lange her, und hat Vielen einen grausamen Tod beschert. Der Krieg beginnt immer im Kopf.“

Meine vergessene Großmutter. Die Frau, die tut, wovon andere nur träumen: sich bei Lebzeiten selbst vergessen. Vollständig. Auch jedes schlimme Erlebnis. Vielleicht ist es schön, manche Dinge vergessen zu dürfen? Wie war ihre Jugend im Kriegswien? In der Nachkriegszeit? Ich versuche oft, mir das vorzustellen.

30. Juli 2018

Meine Oma stirbt. „Ich verliere meine Freundin“, sagt ihre Tochter, meine Tante Sissi. Etwas ist anders. Omas Atem klingt wie ein Beatmungsgerät im Krankenhaus. Sie hat keine verkrampften Arme mehr, sogar die Finger kann man bewegen. Sie trinkt nicht mehr. Sie ist ganz weg. Reagiert jetzt wirklich nicht mehr. Alle Schutzengel sind bei meiner Oma. Engel gibt es seit Jahrtausenden, in allen Religionen. Ich denke, es ist ein gutes Symbol. Ich lege ihr meine Silberkette mit dem Bernstein-Kreuz um.

1. August 2018

Oma ist gestorben. Gestern Früh, am letzten Julitag, wenige Tage nach dem Blutmond, lag bereits leblos auf dem Bett, als ich hereinkam. Ich war zehn Minuten zu spät. Schön ist sie, die vergessene Großmutter. Die Kubitusmatratze war auch still. Tante Sissi hat mit der Pflegerin das dunkel-lila Kleid ausgesucht. Meine Kette hatte sie in ihrer letzten Nacht um den Hals. Durch das war ich mit ihr verbunden. Immer wusste ich, wie es ihr geht.

Lieber Gott! Du hast ja viele Namen. Nimm unsere Hermi zu Dir, und belohne sie für die viele Liebe, die sie in ihrem Herzen trägt. Ich danke Dir dafür, dass ich solange eine Oma haben durfte und dass wir ihr ein würdevolles Ende ihres Lebens bereiten konnten. Ich danke Dir dafür, dass wir Kranken helfen können, dass sich niemand einsam und verloren fühlen muss, weil wir alle durch das Geheimnis des Lebens mit Dir und allem Leben auf der Erde verbunden sind. Ich danke Dir dafür, dass mir das immer wieder einfällt. Gute Reise, liebe Oma. Auf Wiedersehen.